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Kißinger Becherlied

Introduktion

Ihr Schönen, erhebt euch vom seidenen Kissen,
Ihr werdet beim Brunnen den Schlummer nicht missen;
Die Sonne begrüßt euch mit freundlichem Strahl,
Sie lockt euch hinaus in das duftende Thal;
Im üppigsten Teppich die Berge schon prangen,
Sie wollten mit Weihrauch euch festlich empfangen,
Der Quelle entsprudelt das brausende Gas,
Gesundheit entblicket dem perlenden Glas,
D'rum eilet zur Quelle ihr lieblichen Zecher,
Die Muse kredenzt euch die schäumenden Becher

1. Den schönsten Morgen, froh und gut,
Zum „ersten Becher" dieser Fluth!
O setzt ihn an den holden Mund,
Und leeret ihn bis auf den Grund,
Er bringe auch das höchste Gut,
„Gesundheit," „Kraft" und „frisches Blut;"
Wie hoch das Gas im Becher kreis`t!
Des beste Gas: „Gesundheit" heißt!

2. Den schönsten Morgen, froh und gut,
Zum „zweiten Becher" dieser Fluth!
O trinket doch recht gierig d`raus,
Der „Fröhlichkeit" bring`ich ihn aus;
Die Fröhlichkeit ist, was man heißt,
Gesund auch seyn an Herz und Geist;
Aus jeder Lebensleidenschaft
Die „Kohlensäure" fortgeschaft.

3. Den schönsten Morgen, froh und gut,
Zum „dritten Becher" dieser Fluth!
Der launenhaften Gottheit itzt,
Dem „Glücke" dieser Becher blitzt.
Es sprudle auch des Glückes Quell
Wie diese hier, so voll und hell,
Und bringe euch statt Eisen, Stahl,
Nur Gold und edles „Mineral!"

4. Den schönsten Morgen, froh und gut,
Zum „vierten Becher" dieser Fluth!
Der Becher schäumt in hoher Pracht,
Der „Liebe" sey er dargebracht!
O, hör' uns doch, du Liebesgott!
Du wirst ja stets beim Becher flott;
In dieser Fluth dein Stoff auch kreis`t,
Denn Liebe ist ia Phosphorgeist!

5. Den schönsten Morgen, froh und gut,
Zum „fünften Becher" dieser Fluth!
Der Becher schimmert hell und klar,
Ich bring' der „Freundschaft" nun ihn darl
Bedachtsam trinket, nicht in Flug,
Ihr thut nunmehr den schönsten Zug.
Wenn alles flüchtig von uns läßt,
Bleibt der Bestandtheil ewig fest!

6. Den schönsten Morgen, froh und gut,
Zum „sechsten Becher" dieser Fluth!
Mit Wehmuth soll er ringsumgeh'n,
Der Becher heißet „Wiederseh'n!"
Nun reicht die Hand zum Becher auch,
Es perl't im Glas und in dem Aug',
Nur „Wiedersehen," so erschallt's,
Versüßt des Scheidens Bittersalz!

Dem Sänger auch, ihr Frauen hold,
Den „kleinsten Becher" freundlich zollt;
Nur füllet ihn mit eig'ner Hand,
Die Lippen setzt erst an den Rand,
Kredenzt ihn dann mit süßem Blick,
Daß er den Sänger süß erquick',
Dann geht ihm Sang und Liederei,
Von Herz und Leber leicht und frei!

Moritz Gottlieb (Moses) Saphir, 1795-1858

 

 

 

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