Das Gedicht "Das Haar der Berenice" schrieb Alice Freiin von Gaudy.
Deine flutenden Locken,
Weicher als Tyrus’ Seidengespinst,
Lichter als Sonnenflocken,
Als des schürfenden Bergmanns Gewinst,
Deine goldenen Haare,
Sage – wo blieben sie, Königin?
"Zu Aphrodites Altare
Trug ich die schimmernden hin."
Schön wie Aegyptens Sonne
Hat ihre Lichtflut dein Haupt verklärt.
Sage, um welche Wonne
Du sie der Meerentstiegnen verehrt?
Kehrt nicht von Asiens Geländen
Bald aus Kämpfen dein König zurück?
"Herrlichen Sieg ihm zu senden,
Gab ich sie hin – für sein Glück!
Denn durch die Palmen am Grunde
Wisse, als nilwärts die Sonne sank,
Zitterte Geisterkunde
Gleich schwülen Lotosdüften entlang:
– Ptolemäerin, eile!
Wirf deine güldenen Netze aus – –
Mit Aphrodite teile:
Sie lenkt Ares im Schlachtengebraus.
Bebend im Tempelschatten,
Hab ich heimlich gekniet und gewacht,
Für den kämpfenden Gatten
Sehnend mein stilles Opfer gebracht.
Gleich geschmolznen Metalles
Langsam erstarrender, schwerer Flut
Glitt mein Haar lautlosen Falles
Hinab auf der Fliesen Porphyrglut."
– Königin, fliegt nicht ein Bote
Atemlos jagend die Stufen empor?
Werde nicht bleich wie Tote
– Feierlich folgt ihm der Priester Chor.
"Deine goldenen Haare,
Sage – wo blieben sie, Königin?"
– "Zu Aphrodites Altare
Trug ich die schimmernden hin!"
"Sieh – da der Himmel gedunkelt,
Wars, als höbe sie fort eine Hand:
Zwischen Gestirnen funkelt
Droben am Himmel ein schimmerndes Band.
Aphrodite, die holde,
Der sie dein glühendes Herz geweiht,
Schmückt mit dem leuchtenden Golde
Nächtlich ihr wallendes Kleid!
Schön, wie Aegyptens Sonne
Hat ihre Lichtflut dein Haupt verklärt:
Für der Unsterblichkeit Wonne
Hast du sie liebend der Göttin verehrt.
Sieh – jener Bote kündet
Siegreiche Heimkehr des Königgemahls,
Und dein Name entzündet
Ewig die Fackeln des Sternensaals!"
Alice Freiin von Gaudy, 1863-1929
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