Das Gedicht "Ewiges Suchen" schrieb Moritz Gottlieb Saphir.
An Sie
Der Morgen schickt sein freundlich Licht
Herunter von den Auen,
Ich hoffe dann ihr Angesicht
Im Zauberschein zu schauen;
Ich schicke meinen Sehnsuchtsblick
Die Herrliche zu finden,
Doch ohne sie kömmt er zurück,
Um trostlos zu erblinden!
Der Morgen schickt sein freundlich Licht,
Doch meine Holde schickt er nicht!
Der Mittag schickt sein warmes Licht,
Es strömt aus allen Thoren,
Ich such` das holde Angesicht,
Das ich mir auserkohren;
Ich harre fest, ich harre bang,
Ich harre auf der Meinen,
Doch harre ich auch stundenlang,
Mein Glück will nicht erscheinen.
Der Mittag schickt sein warmes Licht,
Doch meine Holde schickt er nicht! -
Der Abend schickt sein mildes Licht,
Auf Gärten und auf Matten,
Ich such' das reizend Angesicht
In Lauben und in Schatten,
Ich frage jedes Blumenblatt,
Ich frage jede Dolde,
Doch keine auch gesehen hat
Die Einzige, die Holde!
Der Abend schickt sein mildes Licht,
Doch meine Holde schickt er nicht.
Die Nacht auch schickt ihr Sternenlicht,
In finstre Erdenklause,
Ich such' das himmlisch Angesicht
Im vollen Schauspielhause;
Ich such' in jedem Logenkranz,
Ob ich sie mag erblicken,
Doch will ihr süßer Schönheitsglanz
Mich nimmermehr erquicken!
Die Nacht auch schickt ihr Sternenlicht,
Doch meine Holde schickt sie nicht!
Die Mitternacht schickt Finsterniß,
Die ist allein mir labend,
Den ganzen großen Weltenriß
In ihren Schooß begrabend!
Da bringet aus der dunklen Nacht,
Vom Grund der dunklen Räume,
Die Holde mir, in aller Pracht,
Der süße Gott der Träume!
Die Mitternacht sie bringt gewiß
Die Holde mir durch Finsterniß!
Moritz Gottlieb (Moses) Saphir, 1795-1858
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