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Das Gedicht "Die achtundzwanzig Frauen des Mondes" schrieb Friedrich Rückert.

Der Mond, der keusche Mond, hat achtundzwanzig Frauen,
Die jede sich ihr Haus umher am Himmel bauen.
Er zieht von einem Haus zum andern jede Nacht,
Ein Monat lang, bis er den ganzen Weg vollbracht.
Von einer wandert er zur andern, Nacht für Nacht,
Bis er den Weg von vorn im nächsten Monat macht.
Gern möchte jede ganz für sich allein ihn haben,
Die andern leiden`s nicht, die sich auch wollen laben.
Doch jede hält zurück den eilenden Verräter,
Daß er kommt jede Nacht fast um ein Stündchen später.
Die Frauen alle sind betrübt um seine Flucht,
Doch von zwiefacher Art ist ihre Eifersucht.
Der vierzehn ersten will ihn jede besser pflegen,
Und vierzehn Nacht lang wird er heller stets deswegen.
Und bei der vierzehnten ist seine Wonne voll,
Die vierzehn folgenden erfüllet das mit Groll.
Und um die Wette plagt jede der ungelinden
Stets ungelinder ihn, bis er voll Gram muß schwinden.
Von ihnen rettet er mit ganz geschwundnem Glanz
Sich zu den ersten, die ihn wieder pflegen ganz.
So geht`s dem Ehemann des Himmels, weil beschieden
Ihm sind mehr Frauen, als verträgt des Hauses Frieden.
Ja, wohnte jede nicht im eignen Haus geschieden,
In einem Hause ging`s noch wen`ger als hienieden.
Darum begnüge du dich fein jahrein jahraus
Mit einem einz`gen Weib in einem einz`gen Haus;
Daß mit der einen du dich besser mögest stehn,
Als dort der arme Mann mit acht und zweimal zehn.
Doch wenn`s der Himmel will, so stecken achtundzwanzig
Mondfrauen auch vereint in einer mondenglanzig.
Dann, wenn du wechselweis von achtundzwanzig Launen
Gepflegt wirst und geplagt, so laß dich`s nicht erstaunen.
Doch wenn mondgläubig du und mondandächtig bist,
Vernimm, zur Heirat wann du wählen sollst die Frist.
Im ersten Viertel, wann Mondfrauenlieb`im Steigen,
Im letzten Viertel nicht, wann sie ist schlimm im Neigen.
Im ersten Viertel, nicht dem Vollmond selbst zu nah`;
Denn auf die Fülle folgt die schlimme Neige ja.

Friedrich Rückert, 1788-1866

 

 

 

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