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Das Gedicht "Von wahrer Freundschaft" schrieb Sebastian Brant.

Der ist ein Narr mit Torenmut,
Der einem Menschen Unrecht tut,
Weil er dadurch gar Manchem dräut,
Der sich dann seines Unglücks freut.
Wer einem Freund ein Leid antut,
Der seine Hoffnung, Treu' und Mut
Allein gesetzet hat auf ihn,
Der ist ein Narr und ohne Sinn. –
Es gibt nicht mehr ein Freundespaar,
Wie Jonathan und David war,
Patroklus und Achill dabei,
Orest und Pylades, die zwei,
Wie Demades und Pythias
Oder der Schildknecht Saulis was,
Und Scipio, Lälius, die beiden. –
Wo Geld gebricht, muß Freundschaft scheiden;
Die Nächstenliebe so weit nicht geht,
Wie im Gesetz geschrieben steht:
Der Eigennutz vertreibt das Recht,
Die Freundschaft, Lieb', Sippschaft, Geschlecht;
Es lebt jetzt Keiner Mosi gleich,
An Nächstenlieb' wie dieser reich,
Oder wie Nehemias im Land
Und der fromme Tobias waren bekannt. –
Wem nicht der gemeine Nutzen ist wert
Wie der eigene Nutzen, deß er begehrt,
Den halt' ich für einen närrischen Gauch:
Denn was gemeinsam, ist eigen auch.
Doch Kain lebt in jedem Stand,
Dem leid ist, wenn Glück Abel fand.
Der Freunde, geht es an die Not,
Gehn vierundzwanzig auf ein Loth,
Und die am besten wollen sein,
Gehn sieben auf ein Quentelein.

aus: Das Narrenschiff

Sebastian Brant, * 1457 oder 1458 in Straßburg; † 10. Mai 1521 in Straßburg

 

 

 

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