GedichteGedichte

Bekannte und auch kurze Gedichte des Schriftstellers Joachim Ringelnatz.

Freundschaft

Erster Teil

Es darf eine Freundschaft formell sein,
Muss aber genau sein.
Eine Freundschaft kann rau sein,
Aber muss hell sein.

Denn Allzusprödes versäumt oder verdirbt
Viel. Weil manchmal der Partner ganz plötzlich stirbt.

Mehr möchte ich nicht darüber sagen.
Denn ich sitze im Speisewagen
Und fühle mich aus Freundschaft wohl
Bei »Gedämpfter Ochsenhüfte mit Wirsingkohl«.

 

Zweiter Teil

Die Liebe sei ewiger Durst.
Darauf müsste die Freundschaft bedacht sein.
Und, etwa wie Leberwurst,
Immer neu anders gemacht sein.

Damit man's nicht überkriegt.
Wer einmal den Kanal
Überfliegt,
Merkt: Der ist so und so breit.
Und das ändert sich kaum
In menschlein-absehbarer Zeit.
Wohl aber kann man dies Zwischenraum
Schneller oder kürzer durchqueren.
Wie? Das muss die Freundschaft uns lehren.

Ach, man sollte diesen allerhöchsten Schaft,
Immer wieder einmal jünglingshaft
Überschwänglich begießen.
Eh' uns jener ausgeschlachtete Knochenmann dahinrafft.


Tiefe Stunden verrannen.
Wir rührten uns nicht.
In den alten Tannen
schlief ein Gedicht.

Stieg ein Duft aus dem Heu,
wie ihn die Heimat nur haucht.
Sahst du das Reh, das scheu
dort aus dem Duster getaucht?

Wie es erst fremd und bang
sich die Stille beschaute,
leise sich näher getraute
und jäh entsprang.

Weißt du, wir schwiegen und sannen:
Kommt es wohl wieder?
Und wir senkten die Lider.
Tiefe Stunden verrannen.