Vorfrühling
1902/03
Bäume weiß ich, frühlingsstarke Bäume, denen gärend
der Jugend Saft durch glühende Adern singt.
Die lechzend verlangen nach dem Rausche der Erfüllung.
Aber noch starren sie kahl und stumm. Harte Schorfe ketten die vorschwellenden
Triebe.
Und in wilden Träumen nur langen sie empor zu dem schaffenden Licht, daß es
sie bade in Glanz und Glut.
Weiten sich ihre Äste, daß gierig sie einsögen den zauberstarken
Most lauen Sommerregens, zu erblühen und zu leben gleich ihren Brüdern.
Denn noch kennen sie nicht den Sommerrausch der Erfüllung. Aber krachend
durchwühlt ihren Leib der Lenzstrom der Ahnung.
Wanderer ziehen vorüber, und also spricht einer zum anderen:
"Sehet die Bäume dort, wie kahl sie stehen und stumm! Kalt schleppt
sich ihr Blut, und mürrisch fliehen sie des Lenzes sanft wirkende Kraft.
Lasset sie im Dunkeln, die Finstern! . . ."
So sprechen sie und gehen vorbei.–
Und nicht einer, der sähe die stürmenden Flammen der Sehnsucht, die
gierend aus ihren Augen lodern und verzehrend über ihnen zusammengluten . . .
1914
In dieser Märznacht trat ich spät aus meinem Haus.
Die Straßen waren aufgewühlt von Lenzgeruch und grünem Saatregen.
Winde schlugen an. Durch die verstörte Häusersenkung gieng ich weit
hinaus
Bis zu dem unbedecktem Wall und spürte: meinem Herzen schwoll ein neuer
Takt entgegen.
In jedem Lufthauch war ein junges Werden ausgespannt.
Ich lauschte, wie die starken Wirbel mir im Blute rollten.
Schon dehnte sich bereitet Acker. In den Horizonten eingebrannt
War schon die Bläue hoher Morgenstunden, die ins Weite führen sollten.
Die Schleusen knirschten. Abenteuer brach aus allen Fernen.
Überm Kanal, den junge Ausfahrtwinde wellten, wuchsen helle Bahnen,
In deren Licht ich trieb. Schicksal stand wartend in umwehten Sternen.
In meinem Herzen lag ein Stürmen wie von aufgerollten Fahnen.
Ernst Stadler, 1883-1914