Puppen
Sie stehn im Schein der Kerzen, geisterhafte Paare, spöttisch und kokett
in den Vitrinen
Wie einst beim Menuett. Der Schönen Hände schürzen wie zum Spiel
die Krinolinen
Und lassen weich gewölbte Knöchel über Seidenschuhe blühn.
Die Kavaliere reichen
Galant den degenfreien Arm zum Schritt, und ihre feinen frechen Worte, scheint
es, streichen
Wie hell gekreuzte Klingen durch die Luft, bis sie in kühlem Lächeln über
ihrem Mund erstarren,
Indes die Schönen in den wohlerwognen Attituden sanft und träumerisch
verharren.
So stehn sie, abgesperrt von greller Luft, in den verschwiegnen Schränken
Hochmütig, kühl und fern und scheinen langvergeßnen Abenteuern
nachzudenken.
Nur wenn die Kerzen trüber flackern, hebt ihr dünnes Blut sich seltsam
an zu wirren:
Dann fallen Funken in ihr Auge. Heiße Worte scheinen in der Luft zu schwirren.
Der Schönen Leib erbebt. Im zarten Puder der geschminkten Wangen gleißt
Ihr Mund wie eine tolle Frucht, die Lust und Untergang verheißt.
Ernst Stadler, 1883-1914