Bittschrift
Untertänigstes Pro Memoria an die Consistorialrat Körnersche weibliche Waschdeputation in Loschwitz,
eingereicht von einem niedergeschlagenen Trauerspieldichter
Dumm ist mein Kopf und schwer wie Blei,
Die Tobakdose ledig,
Mein Magen leer - der Himmel sei
Dem Trauerspiele gnädig.
Ich kratze mit dem Federkiel
Auf dem gewalkten Lumpen;
Wer kann Empfindung und Gefühl
Aus hohlem Herzen pumpen?
Feuer soll ich gießen aufs Papier
Mit angefrornem Finger? -
O Phöbus hassest du Geschmier,
So wärm auch deine Sänger.
Die Wäsche klatscht vor meiner Tür,
Es scharrt die Küchenzofe;
Und mich - mich ruft das Flügeltier
Nach König Philipps Hofe.
Ich steige mutig auf das Roß
In wenigen Sekunden
Seh ich Madrid - am Königsschloß
Hab ich es angebunden.
Ich eile durch die Galerie
Und - siehe da! - belausche
Die junge Fürstin Eboli
In süßem Liebesrausche.
Jetzt sinkt sie an des Prinzen Brust,
Mit wonnevollem Schauer,
In ihren Augen Götterlust,
Doch in den seinen Trauer.
Schon ruft das schöne Weib Triumph,
Schon hör ich - Tod und Hölle!
Was hör ich? - einen nassen Strumpf
Geworfen in die Welle.
Und weg ist Traum und Feerei,
Prinzessin, Gott befohlen!
Der Teufel soll die Dichterei
Beim Hemderwaschen holen.
gegeben in unserm jammervollem Lager ohnweit dem Keller,
F.Schiller, Haus- und Wirtschafts-Dichter
Über die Entstehung dieses Gedichts findet man Folgendes:
Friedrich von Schiller (1759-1805) siedelte im September 1785 von Leipzig nach Dresden über.
Ein Dresdener Jurist, Literaturkritiker und Kunstmäzen, Christian Gottfried Körner (1756-1831) erkannte das Talent Schillers, unterstützte diesen materiell,
rettete den Dichter aus großer finanzieller Not und stellte ihm sein Gartenhäuschen in Loschwitz zum Dichten zur Verfügung.
Dort arbeitete Schiller an seinem Werk Don Carlos, konnte sich aber nicht konzentrieren, da "Waschtag" war
und um ihn herum geräuschvoll gearbeitet wurde. Mit Holz zum Heizen und mit Vorräten konnte er sich auch nicht versorgen, da der Keller verschlossen war.
Körners waren verreist - und als sie zurückkamen, überreichte ihnen Schiller dieses humorvolle Gedicht.