Mein Hintern
Neben den füszen und dem kopf
gehört der hintern ganz eindeutig
zu den einerseits wichtigsten, aber
andererseits vergessensten und noch dazu
völlig falsch bewerteten körperteilen.
sein aussehen ist höchst selten schön,
sein ansehen gering und eigentlich
nur bedeckt oder gar nicht zu ertragen.
er muss, wenn man auf ihm sitzt wie ein könig,
als untertäniges sitzfleisch herhalten,
das auch weniger bedeutenden persönlichkeiten
gern als ausrede für mangelnde entschlusskraft dient.
oder er ist als wohlfeiles schimpfwort beliebt,
das gerichtsfähige geringschätzung zum ausdruck bringt.
aber das wollen wir nun wirklich nicht vertiefen...
heute soll es ausschliesslich um meinen eigenen,
von mir zum allerwertesten erhobenen hintern gehen.
ich gebe zu, dasz ich ihm bisher danklos
eine menge zugemutet habe: dieses stillsitzen beim schreiben,
beim lesen, aufs meer gucken, ganz zu schweigen
vom sitzen zur erledigung unumgänglicher geschäfte
mit deren unangenehmen und anrüchigen folgen
er hautnah und schutzlos zu tun hat.
wie er das nur ein leben lang aushält?
ich bewundere in folge dessen seine unendliche geduld,
seine sesshaftigkeit, sein ungebrochenes selbstbewusstsein
sowie seine bescheidenheit, wenn ich ihn lobe und sage:
hast du aber gut gemacht! - aber insgeheim
hat er doch ein sehr ausgeprägtes
und ungemein spontanes gefühlsleben,
was mich zwar oft in verlegenheit gebracht hat,
weil er so an mir hängt und mich überall mit hin nimmt.
und ich bekomme dann zwangsläufig mit, was er so treibt.
aber mit den jahren sind wir beide ausgegelichener geworden,
und wir widmen uns der erholung, dem müsziggang
und dem genuss bequemerer hosen.
ich habe mittlerweile seine wirkliche bedeutung erkannt,
behandle ihn sehr sorgfältig, schone und pflege ihn
und mute ihm keine allzu anstrengenden laufereien,
keine endlosen schwimmstrecken
und keine schmerzhaften radfahrten mehr zu
oder gar schweiss treibende betttätigkeiten,
die ohnehin seinem wahren charakter,
der nach ruhe verlangt, nicht entsprechen.
ich setze oder lege mich mit ihm genüsslich
auf weiche, anschmiegsame polster,
wann immer einer von uns beiden danach verlangt,
freue mich über unser schönes einverständnis
und sage ihm täglich, was für ein gutes paar wir doch sind.
der rest der welt geht mir an ihm vorbei.
ja, wenn ich ihn, meinen ständigen begleiter, nicht hätte!
ich hätte meinen besten freund verloren,
der selbst den letzten dreck für mich erledigt
- und das mit einem unglaublichen verständnis für mich.
und ich, ich bleibe ihm treu bis an mein lebensende.
wir haben sogar beschlossen,
gemeinsam alt zu werden
und uns einst miteinander
zu grabe tragen zu lassen.
...wenn das keine wahre liebe ist!
© Suitbert Hoffmann
mit herzlichem Dank an den Autor für die Genehmigung zur Veröffentlichung.
Weitere Werke des Autors erschienen im projekte-verlag.
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