Gedicht

Mittagszauber

Im Garten wandelt hohe Mittagszeit,,
Der Rasen glänzt, die Wipfel schatten breit;
Von oben sieht, getaucht in Sonnenschein
Und leuchtend Blau, der alte Dom herein.

Am Birnbaum sitzt mein Töchterchen im Gras;
Die Märchen liest sie, die als Kind ich las;
Ihr Antlitz glüht, es ziehn durch ihre Sinn
Schneewittchen, Däumling, Schlangenkönigin.

Kein Laut von außen stört; `s ist Feiertag —
Nur dann und wann vom Thurm ein Glockenschlag!
Nur dann und wann der mattgedämpfte Schall
Im hohen Gras von eines Apfels Fall!

Da kommt auf mich ein Dämmern wunderbar;
Gleichwie im Traum verschmilzt was ist und war;
Die Seele löst sich und verliert sich weit
In`s Märchenreich der eignen Kinderzeit.

Franz Emanuel August Geibel, 1815-1884